Tafel mit Formeln

Verfügungswissen oder Orientierungswissen? PDF Drucken E-Mail

Der Wissenstransfer zwischen Forschung und Lehre und unternehmerischer Praxis ist uns ein besonderes Anliegen. Aber was genau meinen wir eigentlich mit Wissen?


Keine Angst, dieser Beitrag soll keine erkenntnistheoretische Diskussion über den Wissensbegriff aufmachen, sondern nur zwei Themen beleuchten, die für das auf agimondo vermittelte Wissen von Bedeutung sind: Verfügungswissen und Orientierungswissen.

Die Begriffsunterscheidung geht auf den Philosophen Jürgen Mittelstraß zurück. Mittelstraß definiert: „Verfügungswissen ist ein Wissen um Ursachen, Wirkungen und Mittel; es ist das Wissen, das Wissenschaft und Technik unter gegebenen Zwecken zur Verfügung stellen. Orientierungswissen ist ein Wissen um gerechtfertigte Zwecke und Ziele.“ Diese Definition wirft natürlich selbst einige Fragen auf. Daher sei ergänzend der Pädagoge Winfried Marotzki zitiert: „Über Verfügungswissen eignet sich der Mensch die Dinge der Welt an und über Orientierungswissen tritt er in ein reflektiertes Verhältnis zu ihnen.“

Verfügungswissen beschreibt demnach das Wissen um technisch mögliches Handeln. Es beschäftigt sich mit der Frage „wie mache ich etwas?“. Orientierungswissen meint dagegen das Wissen über moralisch gebotene Handlungen. Die dazugehörige Frage lautet: „Warum mache ich etwas?“

In welche Kategorie gehört nun das Wissen um nachhaltiges Wirtschaften?

Sicher gibt es unstrittige Fälle, die man eindeutig zuordnen kann. Das ingenieurtechnische Fachwissen, das man benötigt, um eine Windkraftanlage zu planen, ist sicherlich ein Fall von Verfügungswissen. Und eine moralische Bewertung von Sozialstandards, z.B. der Arbeitsbedingungen in Indien, kann man eher zum Orientierungswissen zählen. Was aber ist mit Mischformen? Nehmen wir zum Beispiel eine Studie über den Effekt von Corporate Social Responsibility (CSR) auf den Unternehmensgewinn. Ist das nun Orientierungswissen, weil der Unternehmer Sinn und Nutzen seiner CSR-Aktivitäten reflektieren kann oder handelt es sich um Verfügungswissen, weil der Unternehmer lernt, seine CSR-Aktivitäten gewinnmaximierend zu fokussieren? Wir glauben: beides. Die Unterscheidung „Verfügungswissen versus Orientierungswissen“ lässt sich für „nachhaltiges“ Wissen nicht durchgehend aufrecht erhalten. Nachhaltiges Wissen ist zum großen Teil transdisziplinär. Es verbindet Hintergrundwissen mit dem Wissen um konkrete Anwendungen. Wer bewusst „nachhaltiges“ Verfügungswissen produzieren möchte, benötigt zunächst das entsprechende Orientierungswissen.

Orientierungswissen ohne Verfügungswissen sollte "vom Kopf auf die Füße" gestellt werden. Verfügungswissen ohne Orientierungswissen aber ist gefährlich! Und nicht nur im großen weltpolitischen Sinne, sondern auch konkret im unternehmerischen Alltag.

Daher bedeutet Praxisorientierung für uns immer beides: Verfügungswissen UND Orientierungswissen. Wer als Unternehmer beides hat, kann langfristig erfolgreich wirtschaften und eine nachhaltige Entwicklung fördern.

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